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heinrich; hanna; gert
Roman
431 Seiten, Paperback, 21,5x13,5 cm
Books on Demand, GmbH, Norderstedt
ISBN 3-8311-1430-7
Preis: 27 Euro
© 2002
Erzählt
wird die Geschichte von Heinrich, einem Mann Ende fünfzig,
der sich in Gert, einen Studenten verliebt; was ihn
zu Hanna, seiner Frau, zurückführt. Ist Heinrich
schwul? Bolius' neuer Roman ist nicht
so sehr ein Roman über Homosexualität, Heterosexualität
oder Bisexualität. "heinrich; hannah; gert"
ist er ein grosser Roman über Liebe, Ehe und Treue.
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/ français / deutsch
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Seite 11
1. Herbstfrühling
Manchmal gibt es Augenblicke im Leben,
in denen die Zeit explodiert.
Der Urknall lässt sich erzählen.
Als Heinrich an jenem grauen Wintertag,
der sein Leben veränderte, mit jenem jungen Mann, dessen
Anzeige er in der Zeitung gelesen hatte, das kleine Café
betrat, klopfte sein Herz bis zum Hals; Gert gefiel ihm auf
Anhieb: der grosse, junge Mann mit dem kleinen blassen Gesicht
und den kurzen, dunklen Haaren da ihm gegenüber, auf
der anderen Seite der Strasse, war hübsch; in modische
Stiefel geschnürt und leicht vornüber geneigt, legte
er den Kopf etwas schief und lächelte verlegen herüber.
Zwischen ihnen brauste Verkehr. Heinrich lächelte hinüber
und hob ein wenig die Hand, der andere auch, man wusste, man/n
hatte sich erkannt. Gert überquerte die Fahrbahn, gemeinsam
betraten sie ein kleines Café auf dem Margaretenplatz,
es dunkelte schon.
Draussen ging ein grauer Februarnachmittag
kühl und traurig zu Ende, schmutziger Schneematsch auf
allen Flächen, in allen Ritzen der Grossstadt. Drinnen,
zwischen Jugendstilplüsch, Marmortischchen und Messingsäulchen,
war es gemütlich und warm. Die zwei Männer nahmen
Platz, setzten sich einander gegenüber, begannen zu reden
und hörten nicht auf damit. Für Heinrich schien die
Zeit stillzustehen. Sexhungrig war er gekommen, sehnsüchtig
stand er auf. Als er sich, nach mehr als zwei Stunden Gespräch,
von dem sanften, jungen Mann trennte, wusste er, was er wollte.
"Du, das tut mir wirklich
leid, dass ich dich erst so spät angerufen hab,"
eröffnete Gert das Gespräch, "aber über deinen
Brief hab ich schmunzeln müssen."-"Und ich lachen,
über dein Inserat: "Mich, 26jähriger, gutaussehender
Student, vergönn ich dir!" Das war wirklich frech!
Wer sich so selbstbewusst auf den Markt wirft, kann nicht
hässlich sein!" Gert lächelte, fühlte sich
offensichtlich geschmeichelt.
"Er hat so schöne, so
traurige Augen," dachte Heinrich und schaute ihm voll
in`s Gesicht. Gert senkte, verschämt, den Kopf.
Seite 80/82
Dann, in der Nacht, brach es aus
ihm heraus, Heinrich erzählte ihr, beichtete alles. Zuerst
seine Erlebnisse von vor zwei Jahren im "Stiefelknecht",
dann die jüngsten, maschinenhaften Akte im Rathauspark.
Sie redeten, redeten, redeten, die halbe Nacht und den halben
folgenden Tag, wie damals, als sie noch jung waren, sich durch´s
Reden aufeinander zubewegt hatten.
"Weisst du, Hanna, das Schlimme
am "Stiefelknecht" war nicht der Sex. Okay, da hatten
sich im Eck neben der Bank, auf der ich zu sitzen kam, im
Halbdunkel der Theke zwei muskulöse Kerle aufeinandergesetzt,
beide sehr blond, der Schwanz des einen im Arsch des anderen,
die fickten einander nieder, knutschen sich Zungen und Titten
wund, zupften und zerrten an den Piercing-Ringen der Brustwarzen,
aber lustlos und quälend langsam!"
Hanna schauderte es, sie schmiegte
sich fest an ihn, Heinrich fuhr fort.
"Es gab nur einen Jungen,
die Mehrzahl der Männer war Mitte Vierzig, trug eine leichte
Wölbung vor sich her und einen schwarzen Lederriemen um
sich herum. Der Junge, hingegen, stand schlank und nackt in
seinem Slip da, wie ich, war offensichtlich ein Neuling, wie
ich, und ebenso verdattert wie ich, wurde aber, anders als
ich, von allen umworben. Er stand im schwacherleuchteten Barraum,
wo er meine Annäherungsversuche ignorierte, neben mir.
Sobald er die Schreckviertelstunde, die ich ihm in´s
Gesicht geschrieben sah, überwunden hatte, entschloss
er sich, so oft abzuspritzen wie möglich. Zwei oder drei
Mal habe ich ihn im Laufe des Abends sich ein Kondom von seiner
Spritze herunterziehen, den Schwanz mit einem Papiertaschentuch
trocken reiben, sich die Hände abwischen gesehen."
(...)
Hanna befiel das Grauen. Ein Jahr
später las sie Heinrichs Aufzeichnungen im Original. Es
packte sie das gleiche Entsetzen wie ihn: ihn vor den Taten,
sie vor den Worten. "Das kannst du unmöglich veröffentlichen!"
empörte sie sich, "wer soll denn das lesen? Das ist
rohes Fleisch! Hingeschmissene Stücke! Rote, rohe Fetzen,
kein Buch!" - "Du hast ja Recht," flüsterte
Heinrich ganz kleinlaut, sie liess ihn nicht zu Wort kommen.
"Ich will, dass du ein schönes Buch schreibst, über
Liebe und Sex." - "Auch mit Pornografie?" fragte
er schüchtern. "Nein," dachte sie nach. "Aber
wenn sie schon vorkommt, dann muss sie vermittelt sein! Du
darfst sie dem Leser nicht um die Ohren hauen, dich ans Messer
liefern." - "Okay, okay, ein schönes Buch über
Liebe und Sex will ich auch. Aber dann muss ich auch über
die dunkle Seite der Liebe schreiben dürfen, die Maschinenhaftigkeit,
Geilheit, den Sex.! - "Kann sein, kann auch nicht sein,"
murmelte sie, nicht sehr überzeugt. "Ich mag es halt
lieber, wenn man die Sachen nur andeutet, nicht gleich auch
ausspricht. Damit die Phantasie den leeren Raum füllen
kann."
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